Pfahlbauten bei Altenhof

Unterwasserforschung an einem Pfahlbau im Werbellinsee bei Altenhof
von Gerhard Kapitän und Paul Grimm aus Berlin

1. Die Vermessung der Anlage [von Gerhard Kapitän]

Im Zusammenhang mit den Funden frühgeschichtlicher Scherben in Altenhof am Ufer des Werbellinsees erwähnt E. Friedel einen Pfahlbau(1), der seither nicht näher untersucht und beschrieben worden ist. Eine Erkundung im Juni 1957 ergab, daß es sich um eine große Zahl von Resten eichener Pfähle handelt, die in einer Bucht dicht nordöstlich der Fischerei in geringer Entfernung vom Ufer in Tiefen zwischen 1 und 2 Meter auf der Seehalde stehen (Abb.1). Das Pfahlfeld ist vom Boot aus nicht vollständig zu übersehen, da es eine Fläche von 30 Meter im Durchmesser umfaßt. Die Aufnahme eines Lageplanes erfolgte im Juli und August 1957 mittels Messungen unter Wasser, die J. Knebel (damals wissenschaftlicher Praktikant am Institut für Vor- und Frühgeschichte), H. Schulz (Student der Humboldt-Universität) und Verfasser gemeinsam ausgeführt.


Nach der Anregung von H. Reinert, der vorgeschichtliche Unterwasserforschungen im Bodensee durchführt, wurde im Bereich der Pfahlsetzungen ein Quadratnetz von 25 Meter Seitenlänge angelegt, dessen Eckpunkte mit Hilfe von Winkelspiegel und Stangen bestimmt wurden. Entsprechend der Sichtweite Unterwasser, die Anfangs 5 Meter betrug, ist die abgesteckte Fläche in 25 Quadrate von 5 Meter Seitenlänge unterteilt worden. Zur Befestigung des schwarzen Perlondrahtes, der zur Markierung der Gitterlinien diente, mussten 20 Pflöcke in den Seeboden eingetrieben werden und einige weitere zum Verspannen.

Das Vermessen der Pfähle geschah mit Hilfe einer 2 Meter langen Meßlatte aus Aluminium, die mit einer übersichtlichen farbigen Maßeinteilung versehen war. Die Lage der Pfahlreste und ihre Entfernungen zu den Quadratseiten wurden unter Wasser mit Bleistift in das eingravierte Quadratnetz einer Aluminiumtafel eingetragen. Von dort konnten die absoluten Werte sofort nach dem Auftauchen auf Millimeterpapier übertragen werden. Ein einzelner nicht im Plan enthaltener Pfahlrest steht etwa 25 Meter entfernt vom Pfahlfeld vor dem östlichen Ende der kleinen Bucht.

Der Erhaltungszustand der Pfähle, die mehr oder weniger nach Ost bis Südost geneigt sind, ist unterschiedlich. Ihre frei im Wasser stehenden Teile sind stark abgefault, in einigen Fällen fast bis zum Grund. Die verbliebenen Holzkerne sind jedoch noch verhältnismäßig fest. Dagegen sind die in den Boden eingetriebenen Pfahlspitzen kohlig und weich, aber ihre Formen haben sich gut erhalten. Im Bereich der Pfähle besteht der Seegrund aus 10-20 cm hohen sandigen Ablagerungen; darunter liegt eine starke Seekreideschicht.

Die Stärke der Pfähle muß ursprünglich in der Mitte der Anlage in einigen Fällen gut 30-35 cm betragen haben. Die Pfähle der westlichen bogenförmigen Reihe sind im allgemeinen nur halb so stark wie die übrigen. Die Feststellungen wurden sowohl durch Beobachtungen und Messungen unter Wasser als auch durch die Untersuchung eines gezogenen Pfahles und eines teilweise freigelegten zweiten getroffen. Auf den unversehrten Flächen der vierkantig zugehauenen Spitze des herausgenommenen Pfahls sind deutlich großflächige Beilhiebe erkennbar, die offenbar von einem Eisenwerkzeug herrühren.

Die Unterwasserarbeiten wurden mit der einfachen Flossentaucherausrüstung durchgeführt, die aus Gummischwimmflossen, Gesichtsmaske und Atemrohr besteht. Bei der geringen Wassertiefe war nur bei einigen Verrichtungen, die einen längeren Aufenthalt unter Wasser notwendig machten, die Benutzung von Preßluftatemgeräten erforderlich. Ein Kahn, den die Fischerei Altenhof freundlicherweise zur Verfügung stellte, erleichterte die Arbeit sehr.

Als Beleg für die Untersuchungsergebnisse und Beobachtungen wurden Unterwasseraufnahmen gemacht. Eine systematische fotografische Aufnahme der Pfahlsetzungen, Quadrat für Quadrat, mußte aber wegen der Mitte Juli einsetzenden Verschlechterung der Sichtverhältnisse durch die Sommerliche Algen- und Planktonbildung unterbleiben. Für den Zweck der Jahrringuntersuchung wurde von einem der stärkeren Pfähle eine Holzprobe abgesägt. Im Laufe der Arbeiten, die insgesamt sechs Sonntage in Anspruch nahmen, ist der Seegrund im Bereich der Pfahlsetzungen und in der näheren Umgebung, vor allem auch am Fuß der Seehalde, wiederholt nach Kulturhinterlassenschaften abgesucht worden. Es wurden jedoch keine datierbaren Funde gemacht.

2. Versuch der Deutung der Anlage [von Paul Grimm]

Leider war die von G. Kapitän und seinen Mitarbeitern während der Vermessung angestellte Suche nach datierbaren Bodenfunden ergebnislos. Unter einer nur etwas 10-20 cm starken Schlammschicht fand sich anstehende feste Seekreide, in die die Pfähle eingetrieben waren.

Bei dem herausgezogenen Pfahl zeigte sich deutlich, daß in der Hauptsache nur das angespitzte im Boden steckende unterste Pfahlende und ein bereits stark vergangenes, etwa 60 cm langes Stück des anschließenden Pfahls erhalten waren. Der auf diesen Pfählen errichtete Bau war bereits zerstört und von der Brandung weggespült worden. Die Bauten müssen sich also weiter in die Höhe erstreckt haben und in ihrem Oberteil völlig weggeschwemmt worden sein. Die vermessenen Pfähle können demnach nur unter dem früheren Wohnniveau liegend aufgefaßt werden. Sie müssen demzufolge wie ein ausgegrabenes Planum behandelt werden.

Auf dem Plan (Abb.1 des Beitrages Kapitän) heben sich vier Gruppen von Pfählen ab.
1. Am auffälligsten ist eine leicht gebogene Reihe von Pfosten, die sich ungefähr in Südnordrichtung auf der Westseite der Pfahlgruppe entlang zieht (A). Die nördlichsten Pfähle biegen etwas nach Osten um und setzen sich in Ostrichtung in einer Doppelreihe von Pfählen fort (B).
2. Pfähle, die eine trapezförmige Fläche von 8 Meter und 12 Meter Seitenlänge einfassen. Auch in ihrem Innern befinden sich zahlreiche unregelmäßig stehende Pfähle. Da mit einer nachträglich gewaltsamen Entfernung eines Teils der Pfähle gerechnet werden muß, kann diese Fläche ursprünglich durchaus quadratische Form besessen haben (C).
3. Nördlich dieser Fläche und durchaus von ihr getrennt, befinden sich mehrere Pfähle, die Zusammen mit der doppelten Pfahlreihe im Nordteil eine etwa trapezförmige Fläche von 6,5 x 7,5 Meter einnehmen (D).
4. Östlich der großen Fläche stehen mehrere Pfähle in einer Reihe, dann bilden aber nur völlig unregelmäßig stehende Pfähle den Abschluß (E)

Da - wie bereits betont - der aufgehende Teil des Bauwerkes zerstört ist, kann nur der Grundriß zu Vergleichzwecken verwendet werden. Dabei ergibt sich, daß der vermessene Plan sehr stark den Grundrissen von Burghügeln und Wohntürmen ähnelt(2). Die trapezförmige (eventuell ursprünglich quadratische) Fläche kann durchaus als Unterbau eines Turmes aufgefaßt werden, während die Bogenförmige Pfahlreihe als Einfriedigung der Anlage gedient haben muß. Die beiden kleineren Pfostengruppen sind nicht sicher zu deuten. Sie können Nebengebäude und Verbindungswege zum Ufer dargestellt haben. Der Abstand des "Pfahlbaues" von 23 Meter von der jetzigen Strandlinie entspricht durchaus der Breite eines Mittelalterlichen Sohlgrabens um einen Burghügel. Er mußte diese Breite und eine auffallende Flachheit besitzen, da er durch den Wellenschlag leicht zugeschwemmt werden konnte und anscheinend auch wieder zugeschwemmt worden ist.

Als Beleg sei auf den Grundriß des Burghügels des 12. Jahrhundert in Abinger südlich London hingewiesen (2a). Der quadratische Innenbau und die Einfriedung entsprechen dem Befund von Altenhof. Abweichend ist die Größe, da es sich bei der englischen Anlage nur um einen Beobachtungsposten handelt. Gegen diesen Vergleich mit einem Herrensitz spricht lediglich der Umstand, daß die Pfahlreihe nicht völlig um die Gebäude herumgeführt ist, sondern gerade nach dem Lande zu fehlt. Erklären läßt sich dieser Mangel dadurch, daß in späterer Zeit von Holzsuchern natürlich die dem Ufer am nächsten stehenden Pfähle zuerst entfernt worden sind.

Einen ersten Hinweis auf die Richtigkeit des Vergleiches mit einem kleinen hochmittelalterlichen Herrensitz gibt der Name Altenhof. Er kann nur bedeuten, daß bei der Neugründung des jüngeren Schlosses etwa 200 Meter südwestlich die Erinnerung an einen vergangenen Hof (im Sinne eines Adelshofes) haftet. Bei der Umschau nach Vergleichen finden wir z.B. in Mecklenburg, Sachsen-Anhalt und in Thüringen die Reste kleiner Burghügel oder anderer Herrenburgen in Seen oder künstlichen Teichen(3), so daß unsere Anlage durchaus nichts einzigartiges darstellt. Selbst Eike von Repkow, dem Verfasser des Sachsenspiegels, ist das Errichten von "Inseln" als Burg etwas durchaus geläufiges. Es heißt dort im Teil III, 66,§2 des Landesrechtes in Übersetzung "man darf auch keine Burg bauen,... noch Wall noch Insel (Werder) noch Türme im Dorf ohne des Landes Richter Erlaubnis". Ein weiteren Hinweis auf das frühere Vorhandensein solcher kleiner Burgen im See geben uns zahlreiche Sagen von mittelalterlichen Schlössern, die ins Meer versunken sind.

Einen letzten Hinweis, der unsere Vermutung fast zur Gewissheit erhebt, gibt der Nachweis der zugehörigen mittelalterlichen Siedlung. In einem Abstand von etwa 50 Meter von der Pfahlsetzung, d.h. 30 Meter von der jetzigen Uferlinie beginnt eine auffällige dunkle Verfärbung, die sich den flachen Hang hinaufzieht und im Osten sogar noch einen Teil der anschließenden Terrasse bedeckt. Diese Verfärbung ist bis zu 80 Meter breit und erstreckt sich am Hang dem Pfahlbau gegenüber, in etwa 100 Meter Länge.

Auf ihr liegen zahlreiche Oberflächenfunde von blaugrauer Keramik. ein kleiner Probeschnitt zeigte, daß die Verfärbung an dieser Stelle 60cm stark war und neben der Keramik noch Reste von verbrannten Steinen (Herdpackung) und zerschlagenen Tierknochen enthielt. Erst außerhalb dieser einwandfreien mittelalterlichen Siedlungstellen fanden sich auf der Oberfläche der Terrasse einige Bruchstücke roher vorgeschichtlicher Keramik (Bronze- oder Eisenzeit).

Auf Grund ihrer Lage am Seeufer und am Hang dicht über dem See ist anzunehmen, daß die Siedlung in einer bestimmten Beziehung zum Pfahlbau gestanden hat. Die Zeitstellung der Scherben ist völlig einheitlich. Es handelt sich um eine ganz ausgeprägte blaugraue Keramik des 13. und 14. Jahrhunderts. Wenige ziegelrote Scherben gehören in die gleiche Zeit. Da ungleichmäßig getönte, ins braunschwarze übergehende Scherben, welche an anderen Orten die ältere Vorstufe der blaugrauen Keramik bilden, fehlen, möchte man den Beginn der Siedlung um 1220 ansetzten; das Ende muß, da jüngere rädchenglasierte Keramik fehlt, um 1350 eingetreten sein.

So darf zusammengefasst gefolgert werden, daß der "Pfahlbau" ursprünglich eine kleine wohnturmähnliche Anlage im Werbellinsee gewesen ist, zu dem am Lande eine Siedlung gehört hat, die wohl aus den Wirtschaftsgebäuden und einigen Wohnhäusern bestand.

Näheres über die Art der Anlage ist nicht zu erschließen. Es ist nicht sicher, ob die Anlage zur Gruppe der Mecklenburgischen "Kemladen", wie sie uns W. Bastian (s.S.101 ff.) geschildert hat, gehört. Dagegen spricht, daß die rechtlichen Verhältnisse hier ganz anders gelagert sind. Im Gegensatz zu der "Kemlade", die aus den gesellschaftlichen Verhältnissen der Raubritterzeit entstanden ist, gehörte Altenhof einwandfrei immer zum Territorium der Markgrafen von Brandenburg. Demnach müßte diese Anlage immer eine landesherrliche Burg gewesen sein.

Der Vermessungsbefund kann aber auch in einer anderen Weise aufgefaßt werden. Da die Pfähle nur noch ganz wenig im Boden stecken, können diese ursprünglich im natürlichen Boden etwa in Höhe des umliegenden Strandes oder in einem künstlich errichteten Hügel gesteckt haben, der in neuerer Zeit durch die anhaltende Abspülung weggeschwemmt worden ist.

Der Name "Altenhof" erscheint erst seit dem Jahre 1572 für ein kurfürstliches Jagdhaus(4). Seine Lage ist bekannt. Es liegt ebenfalls an etwas erhöhtem Strande etwa 200 Meter südwestlich des "Pfahlbaues". Die Heimatforschung hat für diesen namenlosen "Alten Hof" als ursprüngliche Bezeichnung eine curia Breden erschlossen, die seit 1308 mehrfach genannt wird. Eine Beweisführung für diese Gleichsetzung ist leider nicht möglich. Sollte sie richtig sein, so wäre die letzte Nennung des Jahres 1375 geradezu ein Hinweis für die Richtigkeit unserer Annahme, daß die Siedlung am Rande um 1350 zugrunde gegangen ist. Die Urkunde sagt ausdrücklich, daß neben der Burg, die im großen Werbellinwald liegt, keine Stadt und kein Dorf vorhanden gewesen ist (castrum sine opydo et sine villa iacebs in magna merica Werbelyn). Das jetzige Dorf Altenhof ist erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden.

Nachtrag: Ein am 15.Juni 1958 durchgeführter Tauchversuch ergab an der Nordseite einige weitere Pfähle der Einfassung und zwei blaugraue Scherben des 13. und 14. Jahrhunderts.

Bericht abgeschlossen am 09.04.1958

Der ausführliche Grabungsfund und seine Bedeutung für die älteste Stadtgeschichte Berlins sowie die kunstgeschichtliche Auswertung aller Pläne, Zeichnungen und Aufnahmen werden in den "Schriften zur Kunstgeschichte" erscheinen(5).

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(1) Brandenburgia, Berlin. 12, 1903/04 S.435 Die Angabe "slawische Keramik" beruht meines Erachten auf dem damaligen Unvermögen, slawische und mittelalterliche Gefäße zu trennen. Bei neuerlichem Absuchen sind nur mittelalterliche Scherben gefunden worden.

(2) Paul Grimm, Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle der Bezirke Halle und Magdeburg, Berlin 1958, S.142 ff. und Abb. 39.
(2a) B. Hope-Tayler, The Excavation of a Mott at Abinger in Surrey. In: The Archaeological Journal 107, 1950, S. 15ff.

(3) Paul Grimm, a.a.O., S.146

(4) Die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg Bd.III, T.3, Kreis Angermünde, Heft5. S.170f.

(5) Herausgegeben von Richard Hamann und Edgar Lehmann. Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Arbeitsstelle Kunstgeschichte.

Anschrift: Dr. E. Reinbacher, Institut für Vor- und Frühgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin W 1, Leipziger Str. 3-4

Anschrift: G. Kapitän, Berlin N 58, Chorinerstr. 38

Anschrift: Prof. Dr. P. Grimm, Institut für Vor- und Frühgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin W 1, Leipziger Str. 3-4

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